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Landshut, 25.09.2018 – 2008 waren in Deutschland Ende Juli mit der Pleite der IKB – einem halbstaatlichen Bankinstitut – schon die Vorbeben zu spüren, die dann im September des gleichen Jahres mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers in den USA ihren Vulkanausbruch verzeichneten. Der Vertrauensverlust war derart groß, dass man in Deutschland einen Bankensturm erwartete. Bekanntlich bringt ein solcher Kunden-Tsunami, im Zuge dessen Anleger ihr Bargeld abziehen, jede Bank zum Einsturz. Um dies zu verhindern, sahen sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück dazu genötigt, eine substanzlose und durch den Bundestag nicht legitimierte Patronatserklärung für Bankguthaben der deutschen Sparer zu proklamieren. Etwa 1,7 Billionen Euro wurden damit durch den Glauben an die Worte einer Regierungschefin angeblich abgesichert. Das Erstaunliche: Es half.

Über die Gründe für die Finanzkrise wird durch Experten weiterhin heftig gestritten. Einig ist man sich wohl, dass die wertlosen Subprime-Hypotheken in den USA und die Verpackung dieser in hoch geratete Anlagepapiere das Grundproblem darstellen. Aber wie konnte es dazu kommen? Bereits bei der Einführung des Euros ist man in Europa der Mär der Politik aufgesessen, dass der Euro genauso stark sein wird als die stärkste Währung in dem Eurotopf. Wer glaubt nur solch einen Blödsinn? Und die kriminelle Energie, die den amerikanischen Bankern und Ratingagenturen zu Recht unterstellt wird, hat in Europa mit dem „Bilanzbetrug“ griechischer Politik eine vergleichbare Dimension erhalten, damit die Griechen an billiges Eurogeld kommen. Politik und Finanzindustrie können sich hier die Hand geben.

Aber die Gretchenfrage ist: Haben wir daraus gelernt? Gemessen an der Endzeitstimmung im Jahr 2008/2009 ist die Finanzkrise nach zehn Jahren als glimpflich zu bewerten. Wichtig ist, dass die befürchtete Kettenreaktion gestoppt werden konnte. Insofern hatte man aus der Geschichte der Finanzkrise von 1929 – den sogenannten Schwarzen Freitag – gelernt. Ben Bernanke, FED-Chef 2008, steuerte sofort massiv gegen und brachte enorm viel billiges Geld sowohl in den USA als auch in Europa ins Bankensystem. Der positive Teil der Geschichte ist also: In puncto Lösung der Krise haben wohl fast alle Akteure – bis auf die Banker selbst, allen voran Deutsche Bank Chef Josef Ackermann – gute Arbeit geleistet und im Grunde zu wenig Lob dafür bekommen. Der große Fehler ist aber, dass man bei diesem Erfolg die Ursachen aus dem Blick verloren hatte.

Thomas Fricke beschreibt das Dilemma am 14. September 2018 im Spiegel Online sehr treffend: „Klar wurden seit dem Lehman-Schock eine Menge neue Regeln beschlossen, müssen Banker jetzt lange Formulare ausfüllen und Finanzhäuser auch (etwas) mehr Geld beiseitelegen für Notfälle. Der Kern des Problems scheint allerdings ein viel grundsätzlicherer. Und der liegt weniger in den moralischen Unzulässigkeiten des einen oder anderen Hedgefonds-Managers (oder Griechen), sondern in dem ungeahnt fatalen Hang von Finanzjongleuren und gemeinen Sofa-Anlegern, sich vor lauter kollektiver Euphorie gelegentlich in irre Höhenflüge zu steigern, die urplötzlich enden – und dann in Abwärtstrends verwandeln, die sich ebenso irre verselbstständigen und ganze Volkswirtschaften wackeln lassen. Da hilft es dann auch nicht mehr, wenn der Bankmitarbeiter bei der Beratung ein paar Formulare mehr ausfüllt.“

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Heute boomt die deutsche Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie selten, und die EZB hält die Zinsen auf niedrigsten Niveau. Also alles ohne Folgen überstanden? Mitnichten! Gesellschaftspolitisch sind die Gründung der AfD und der Rechtsruck in Europa eine der tiefgreifenden Folgen, basierend auf der Griechenland-Rettung. Des Weiteren neigen die Finanzmärkte und ihre Akteure weiterhin zur Blasenbildung. Außerdem ist die heutige Digitalisierung ein Brandbeschleuniger bei Börsenkrisen durch die selbständig handelnden Computersysteme und den Börsenhandel im Millisekundenbereich.

Die Bundesregierung selbst hat anlässlich des tragischen zehnten Jubiläums der Lehman-Krise veröffentlicht, was dem Steuerzahler die Rettung von Banken in der Problemzeit gekostet hat. Ende 2017 summieren sich die Kosten der öffentlichen Haushalte auf 59 Milliarden Euro, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Dies hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen Bundestagsfraktion verlauten lassen. In dieser Summe sind Garantien, Kredite und Kapitalspritzen enthalten. Der Grüne Finanzexperte Gerhard Schick rechnet gegenüber n-tv damit, dass die Summe noch bis 68 Milliarden Euro steigen wird.

Und da kommt wieder einmal der Kapitalismus ins Spiel. Die deutsche Politik ist mit Verlust aus der Krise gegangen, die USA hat es geschafft, durch die Rettung von AIG und anderen im Zuge der Finanzkrise sogar knappe 50 Milliarden zu verdienen. Hier sieht man, dass wirtschaftliches und soziales Handeln Hand in Hand gehen könnten. Aber soweit ist old germany noch nicht. Die Politik hierzulande hat es im Schulterschluss mit der EZB und ihrem Boss Mario Draghi geschafft, nicht nur die besagten 59 Milliarden zu verbrennen, sondern zugleich auch das Vermögen der Sparer zu schrumpfen. Über 40 Prozent der privaten Vermögen in Deutschland liegen in Bankeinlagen und Bargeld. Die Nullzinsen, bereinigt um die offizielle Inflation von derzeit fast zwei Prozent, schaffen einen jährlichen Vermögensverlust.

Jan Mallien schreibt im Handelsblatt vom 11.09.2018 dazu: Anleger stecken daher noch längere Zeit in einer schwierigen Situation. Sie müssen entweder akzeptieren, dass ihr Vermögen an Schwindsucht leidet. Oder aber mutig auf Aktien setzen – mit nur mäßigen Chancen auf Kursgewinne.

Und es ist zu ergänzen: Jede Geldanlage hat Risiken. Ein risikoloser Zins ist eine Illusion, die vor allem der Staat einem suggeriert. Zum Beispiel mit dem beliebten Feindbild einer 100-jährigen Anleihe wie in Österreich, was einer staatlichen Anlegertäuschung mit angesagter Geldvernichtung entspricht. Spannend sind die Vorhersagen der nächsten Finanzkrise. J.P.Morgan hat sein Algorithmus-Orakel befragt und tippt auf eine milde Krise im Jahr 2020. Dirk Müller, fondsmanagender Finanzmarktskeptiker, spricht in seinem Buch „Marktbeben“ nur von der größten Finanzkrise aller Zeiten, die er kommen sieht, und Wirtschaftshistoriker Tooze sieht in seinem Werk „Crashed“ vor allem die gesellschaftspolitischen Folgen. Eines ist sicher: Sie wird kommen, die nächste Finanzkrise, weil sich die Geschichte immer wiederholt. Und wir werden auch diese überleben.

Autor: Edmund Pelikan