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Landshut, 20.09.2018 – Die Grafik des Tages „Der graue Kapitalmarkt“ im Handelsblatt offenbarte am 30. Mai 2018 wieder einmal eine ganz verbreitete Sichtweise auf diese indifferente Anlageklasse „grauer Kapitalmarkt“. Hans Rosling beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch „Factfulness“ als Blick auf die Welt von heute mit Zahlen oder Fakten von gestern. In die Falle ist nun auch das Handelsblatt-Team getappt.

Richtig ist sicherlich, dass eine unternehmerische Beteiligung erhöhte Risiken aufweist. Und richtig ist auch, dass sich derzeit die Schadensfälle für Anleger augenscheinlich häufen. Der Fall P&R, Grünwald, scheint nach allen Verlautbarungen des Insolvenzverwalters eher ein strafrechtliches Problem als zunächst ein ökonomisches Problem zu haben. Dem Anleger ist sicher egal, warum er sein Geld verliert, wenn er es verliert. Gleich gelagert sind den Prozessurteilen entsprechend auch die Schadensfälle Infinus, Dresden, und S&K, Frankfurt. Anders gelagert ist aber sicherlich der Problemfall Prokon. Hier hat sich eine Anleger-Community stark gemacht und den Insolvenzverwalter überzeugt, Teile des Geschäftsbetriebes in eine Genossenschaft zu überführen. Dort arbeitet das Geld zum Teil wieder für die Anleger, und von einem Totalverlust kann keine Rede sein.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verwendung des Begriffs „geschlossene Fonds“. Seit dem 16. Mai 2013 ist das Kapitalanlagegesetzbuch in Kraft, und es stellt offene Investmentvermögen auf Augenhöhe mit geschlossenen Investmentvermögen, die in der Rechtsform einer Investment-KG oder Investment-AG gestaltet werden können. Für den Retailmarkt gibt es die Publikums-AIFs und für den institutionellen Kapitalanlagemarkt die Spezial-AIFs. Sie sind beide vollreguliert, bedürfen einer BaFin zugelassenen und überwachten Kapitalverwaltungsgesellschaft – was einer KAG entspricht – und unterwerfen sich einem Vier-Augen-Prinzip, indem das Portfolio von einer Verwahrstelle organisiert wird – vergleichbar einer Depotbank. Was rechtfertigt hier die Aussage: „Geschlossene Fonds werden nicht an der Börse gehandelt und unterliegen damit auch nicht dem Gesetz über Kapitalanlagegesellschaften. …“

Auch die Erläuterungen von Direktinvestments sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Es wird nicht erwähnt, dass oft die BaFin die Anlagen unter das Vermögensanlagengesetz packt, wodurch es zu einer (eingeschränkten) Prospektpflicht kommt. Nur dadurch ist die Schieflage bei P&R erkannt worden, leider nicht durch die BaFin, sondern durch den Markt. Es ist nur zu hinterfragen, ob es sich tatsächlich um lediglich drei Prozent des aktuellen Anlagevolumens handelt.

Die Tabelle über das Nettofondsvermögen 2018 lässt Marktkenner auch zweifeln. Zwar sind JAMESTOWN mit 700 Millionen Euro und einem Marktanteil von 11 Prozent und ZBI mit 435 Millionen Euro und 7 Prozent vertreten. Jedoch ist nicht erläutert, ob es sich bei diesen Zahlen um das platzierte Eigenkapital oder gar die Gesamtinvestition im Jahr 2017 handelt oder gar um das gesamte verwaltete Vermögen der jeweiligen Gesellschaften. Beides wären sicherlich falsche Zahlen, weil wesentlich mehr Marktteilnehmer in der genannten Größenordnung unterwegs sind. Daneben fehlen große Marktteilnehmer wie Real.IS, die allein 2017 ein Eigenkapital vornehmlich bei Institutionellen von 751 Millionen Euro platzierten, die Deutsche Finance mit 686 Millionen Euro und die WealthCap mit 438 Millionen Euro.

Am spannendsten ist aber die Tabelle „Zusammensetzung des Vermögens inländischer geschlossener Fonds“. Sie basiert nach Recherche des BeteiligungsReports auf den Bundesbankzahlen Januar 2018 der monatlich veröffentlichten „Kapitalmarktstatistik“. Nur sind die Bundesbankzahlen traditionell sehr erklärungsbedürftig. So fehlen bei der Position „Sonstiges“ unserer Rechnung noch 500 Millionen beziehungsweise 0,5 Milliarden Euro. Warum auf diese verzichtet wird, bleibt offen. Zum anderen werden die genannten Summen richtigerweise als Vermögen der „Fonds“ bezeichnet. Das bedeutet, dass 78,3 Milliarden Euro Vermögen etwa 30 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gegenüberstehen. Da der Tenor der gesamten Grafik auf das im Feuer stehende Anlegergeld abzielt, reden wir also von etwas über 48 Milliarden Euro. Dass aber die Bundesbankstatistik nur 16 Millionen Euro Container-Investitionen ausweist, macht überdeutlich, wo der Unterschied der alten und neuen Welt liegt. Der Aufhänger der Grafik ist der P&R-Skandal mit einem mutmaßlichen Anlegerschaden von etwa 3,5 Milliarden Euro. Warum sind dann nur 16 Millionen Euro bei der Bundesbank gemeldet? Der Grund liegt darin, dass Container bis 2017 Direktinvestments waren und als Warengeschäft galten. Sie tauchten in keiner offiziellen Kapitalmarktstatistik der BaFin oder Bundesbank auf, lediglich in den Rennlisten der Fachpresse wie BeteiligungsReport, Cash, Fondsbrief, Fondstelegramm oder kapitalmarkt intern. Lohnend ist auch ein Blick an das Ende der Kapitalmarktstatistik. Dort weist die Bundesbank auf die Vergangenheit hin, indem diese die Anzahl der einbezogenen Fonds (bereits vor dem KAGB) nennt: 3.449 Fonds waren bis Januar 2018 in der Datenbank gemeldet von mehr als 10.000, die Plattformen wie eFonds und ProCompare in ihren Datenarchiven haben. Und eine weitere Zahl zeigt den Fehler in der Handelsblatt-Tabelle. Historisch reden wir von einem platzierten Eigenkapital von etwa 109 Milliarden Euro. Für das historische Gesamtinvestitionsvolumen dürften wir wegen einer durchschnittlichen Fremdfinanzierungsquote von 50 Prozent diese Zahl verdoppeln. Natürlich sind davon zahlreiche schon erfolgreich oder auch weniger erfolgreich abgewickelt.

Um es zu wiederholen: Ich liebe das Handelsblatt und die guten Journalisten dort. Gerade für die Stiftung Finanzbildung kenne ich keine bessere Quelle, über Wirtschaft aufzuklären. Aber in speziellen Schwerpunktthemen würde ich mir wünschen, dass man sich der kompetenten und gut informierte Kollegen wie Beatrix Boutonnet, Markus Gotzi, Uwe Kremer, Stefan Loipfinger, Alexander Heintze, Stephanie von Keudell, Ludwig Riepl, Werner Rohmert und Friedrich Wanschka versichert – allesamt mit dem Deutschen BeteiligungsPreis ausgezeichnet als Ehrenpreisträger für fachorientierten Sachwertjournalismus und die meisten mit dem Autor dieser Zeilen tätig im immpresseclub e.V., der Arbeitsgemeinschaft europäischer Immobilienwirtschaftsjournalisten und -publizisten. Viele von diesen sind tiefer in den Sachwertmarkt eingetaucht und haben durchaus sehr unterschiedliche Meinungen zur Sache. Aber das ist gut so. Mag sein, dass den Handelsblatt-Redaktionen deren Fachmeinungen nicht zusagen. Eine Diskussion anzustoßen wäre es allemal wert.

Zum Schluss darf ich folgende Fragen noch aufwerfen, um den Blickwinkel etwas zu verändern:

Wer hält eine 100-jährige Anleihe der Republik Österreich, die 2017 mit einem Volumen von drei Milliarden Euro platzierte, für risikolos?

Oder war der Schuldenschnitt Griechenlands 2012, bei dem sich etwa 100 Milliarden Euro in Luft auflösten, staatlicher Anlegerbetrug im weißen Kapitalmarkt?

Wie Hans Rosling bereits sagte und diverse Verhaltensökonomen seit Jahren predigen: Es ist alles eine Frage des Blickwinkels, aber traue keiner einzelnen Zahl. Nur die eingehende Auseinandersetzung mit Zahlenreihen und nur der richtige Kontext bringen die richtige Aussagekraft. Und sicher sind große Teile des sogenannten grauen Kapitalmarktes weißer als man meint, aber sicher auch nicht besser als der große weiße Bruder. Fest steht, dass man sich aber zumindest bei den AIFs durch das KAGB auf Augenhöhe befindet.

Autor: Edmund Pelikan